Prof. Voigt (29. September 2005):

Sehr geehrter Herr Haße,
für Ihren Brief und die Sieben Thesen zur deutschen Sprache in der Wissenschaft danke ich Ihnen vielmals. Was Sie schreiben und in den Thesen formuliert haben, entspricht ganz meiner Auffassung. Schon vor dreißig Jahren, als ich nach Deutschland zurückkehrte, um mich zu habilitieren, fand ich die Übernahme englischer Begriffe und deren "Verdeutschung" eine mich abstoßende Mode. Politologen und Historiker, Philosophen und Soziologen etc., deren Schriften ich aus fachlichen Gründen las, benutzten zunehmend Ausdrücke aus dem Angelsächsischen, auch dann, wenn es treffende deutsche Wörter gab. Ich hatte den Eindruck, dass man damit "Modernität" und "Welterfahrung" bekunden und all das bisher auf Deutsch Geschriebene zu Makulatur erklären wollte - genauso, wie man die Talare als voll mit Staub aus tausend Jahren in den Plundersack steckte. Die Manie ist geblieben, auffallend bei Leuten, die die angelsächsische Welt nur kurz kennen gelernt haben.
Ich habe im Zusammenhang mit meinem Leserbrief (Anm.: FAZ 12.09.2005) "Nichts ersetzt die Muttersprache") mehr abschreckende Beispiele erfahren. Es gibt an unserer Universität Kollegen in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, die ihre Vorlesungen auf Englisch "radebrechen". Welch ein Bild geben sie ab vor Studenten zum Beispiel aus Indien, deren Erziehung in ihrer Mutter- und Wissenschaftssprache Englisch geschah?! Werden sie, zurückgekehrt, die deutsche Wissenschaft loben? Und deutsche Studenten, die englischsprachige Vorlesungen hören, um ihr Englisch zu "bereichern", können dem Gerede nicht folgen, weil sie nicht genügend Englisch können oder der Dozierende nicht. Trotz der schlimmen Auswüchse werden Vorlesungen "von oben" empfohlen, da sie vermeintlich die Attraktivität der Universität als weltzugewandt erhöhen. Die Komplexität der Wissenschaften, die sprachlich vermittelt werden, bleibt auf der Strecke. Mancher Engländer würde sich unter das Niveau seiner Oberschule zurückversetzt finden. Während wir heute nur noch an die 60 indische Studenten haben, kommen aus China mehr als 1200.
Es ließe sich noch viel dazu sagen. Aber ich freue mich, dass Sie mit Ihrer Initiative auf das Problem aufmerksam gemacht haben. Wie wenig unsere Muttersprache den Politikern wert ist, zeigt nicht nur deren Gefasel im Ausland, sonder auch der Umgang mit der Rechtschreibreform.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Voigt
Prof. Dr. phil., D. Phil. (Oxon)
71672 Marbach am Neckar

Dr. Semler (4. Oktober 2005):

Sehr geehrter Herr Kollege Haße,
wenn ich im beruflichen Alltag - wie sicherlich auch viele andere Ärzte - häufig nicht die Zeit finde, wichtige Veröffentlichungen zu reflektieren, so möchte ich wegen der Bedeutung der von Ihnen mitveröffentlichten "Sieben Thesen" diemal ausdrücklich meine Zustimmung zu Papier bringen. Es verdient große Anerkennung, dass sich deutsche Ärzte und Wissenschaftler sorgenvolle Gedanken um die Sprache als Vehikel eines jeden (wissenschaftlichen) Gedankenaustauschs machen.
Vielleicht ist noch anzumerken, dass man nichts dagegen einwenden kann, wenn sich Wissenschaftler auch im nationalen Bereich bei kleineren nicht-öffentlichen Tagungen einvernehmlich auf Englisch als Tagungssprache einigen, auch wenn der Nutzen einer derartigen Verabredung schwer zu erkennen ist (Englisch als Sprachübung?).
Aber sobald sich eine Tagung für den Besuch anderer Ärzte öffnet, sogar dazu einlädt, muss in Deutschland Deutsch gesprochen werden dürfen!
Weitaus die größte Fehlentwicklung hinsichtlich der Prävalenz des Englischen ist auf dem - in Ihrer Veröffentlichung nicht besonders betonten - Bereich der ärztlichen Fortbildung zu beobachten: Auch hier ist in einzelnen Veranstaltungen bereits dieser oder jener Englisch sprechende Referent eingestreut, auch bei deutschsprachigen Referenten wimmelt es von englischsprachigen Folien (die vom letzten Besuch eines internationalen Kongresses übrig geblieben sind), und vereinzelt wird auch in Zeitschriften bei ausschließlich der Fort- oder Weiterbildung dienenden Artikeln die englische Sprache eingesetzt. Das ist aus den von Ihnen in den "Sieben Thesen" genannten Gründen falsch, vor allem auch deswegen, weil sich die auf Englisch angesprochenen Kollegen, die Fort-/Weiterbildung betreiben m ü s s e n , nicht gegen diese Sprachwahl wehren können! Deswegen haben Sie zu Recht auf die tatsächlich vorhandenen Fremdsprachkenntnisse in Deutschland hingewiesen, die beim Englischen zwar besonders hoch sind, aber keineswegs ausreichend zum Elernen und Erkennen von wissenschaftlichen Detailproblemen, geschweige denn zur Gestaltung einer wissenschaftlichen Diskussion.
Davon sind besonders unsere ostdeutschen Kollegen betroffen, und man müsste diejenigen Tagungsveranstalter und Zeitschriften-Redakteure, die häufig wohl gedankenlos dem Englisch-Trend folgen, einmal mit der Frage konfrontieren, wie sie in Deutschland über einen Fachvortrag/-veröffentlichung in Russisch denken würden, und ob sie in einem solchen Fall in ihrer eigenen medizinischen Entwicklung profitieren könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Peter Semler
12101 Berlin

Prof. Weber (9. Oktober 2005):

Es hat den Anschein, dass die teils fanatischen Verfechter des "Wissenschafts"-Englisch wie auch des "Denglisch" zwei sehr ernsthafte Probleme zu vertuschen suchen: Die mangelnde Kenntnis der eigenen Muttersprache sowie Defizite in der Bewertung der eigenen Persönlichkeit - das Englisch wird gewissermaßen als "persönliche Fußbank" gebraucht. Es ist jedoch irrig anzunehmen, dass mangelndes Ausdrucksvermögen in der Muttersprache fremdsprachlich kompensiert werden kann: Armseliges Deutsch wird kein gutes Englisch...

Jeder Lehrer, auch der akademische, hat die moralische Verpflichtung, sein Wissen auf seine Schüler zu übertragen. Nur so entsteht Allgemein-Wissen. Und: Ein Schüler im Geiste - Ist hier nicht die Ur-Verbindung in der gemeinsamen Muttersprache zu suchen? Wie sonst vermag man auch Umfeldwissen, Werte vermitteln, wie motivieren, wie zum Denken führen?
Es ergibt sich jedoch die Frage nach der Notwendigkeit, die Thesen in Englisch zu veröffentlichen - wie sonst sollten sie den Adressatenkreis erreichen?

Prof. Weber
01968 Senftenberg

Prof. Dr. - Ing. Böhme (Juli 2006):

Hier klicken, um den Kommentar von Herrn Böhme anzuzeigen.

Prof. Dr. W. Slaje (3. Februar 2007):

Für die Diffusion geisteswissenschaftlicher Erkenntnis über das vormoderne Indien in die Gesellschaft, für die gesellschaftliche Rezeption altindischer Literaturen und Philosophie sowie zum Zwecke der Reputation bzw. Akzeptanz des Faches Indologie in Deutschland überhaupt, wäre (gutes) Deutsch das allein geeignete Medium und Instrument.
Aber auch in der deutschen Indologie beobachtet man die rasante Abkehr vom Deutschen zugunsten ausschließlich des Englischen. Dies ist verständlich vor dem Hintergrund des Bemühens um größtmögliche Reichweite der eigenen Forschung.
Zwar gibt es in der Tat eine große Anzahl monolingualer Vertreter der Anglophonie, die die Rezeption deutschsprachiger Forschung strikt verweigern, aber zugleich mehren sich kritische Stimmen des englischsprachigen Auslands, die den vorauseilend linkischen Kniefall der Deutschen (linguistic submissive- ness) eben nicht nachvollziehen können: Von Geisteswissenschaftlern dürfe erwartet werden, daß sie die deutsche Wissenschaftssprache (zumindest passiv) beherrschten, so daß für die deutschen Kollegen eine Notwendigkeit, auf Englisch zu dilettieren, keinesfalls bestünde ...
Dazu muß man wissen, daß die - bis heute unüberholten - Grundlagen des altindischen Wortschatzes und seiner begrifflichen Äquivalente mit den Großwörterbüchern deutscher Gelehrter des 19. Jh.s gelegt wurden, von denen auch die epigonalen englischen Wörterbücher abhängen (unter starken Qualitätseinbußen!). Vor diesem Hintergrund ist es eine Tragödie mitansehen zu müssen, wie - etwa im Falle der Übersetzungsversuche sanskritischer Belles lettres- deutsche Studierende in Abkehr von den eigenen alten Meistern der Sanskrit-Lexikographie ihre Zuflucht bei englischen Wörterbüchern suchen, und ausländische Studierende - geschult an, und bestens vertraut mit,den sanskrit- deutschen Wörterbüchern - dem allem entsprechend fassungslos gegenüberstehen.
Auffällig ist auch die rasche Abnahme der aktiven Beherrschung des deutschen Wortschatzes bei deutschen Studierenden, die sich - leider vergeblich um ein passendes deutsches Äquivalent ringend - in ihrer Not eben englischer Versatzstücke oder des Jargons bedienen.
Einen vergleichbaren kulturellen Minderwertigkeitskomplex, wie er sich in der zu beobachtenden Sprachunterwürfigkeit manifestiert, findet man bei anderen europäischen Nationen allerdings nicht. Die Kollegen aus Frankreich oder Italien, aber natürlich auch die von den Britischen Inseln, versorgen ihre Landsleute reichlich mit Forschungsergebnissen und Übersetzungen in der jeweiligen Muttersprache und leisten damit auch ihrem Fach nur die allerbesten Dienste.

Prof. Dr. Walter Slaje
99425 Weimar

Prof. Dr. Th. Klinkert (3. Februar 2007):

Ich bin sehr erfreut über diese Initiative, von der ich aus dem Februar-Heft 2007 von "Forschung & Lehre" erfahren habe (Beitrag von Ralph Mocikat, S. 90-92). Ein weiteres eklatantes Beispiel für die geradezu systematische Elimination des Deutschen als Wissenschaftssprache ist im übrigen die "Exzellenz-Initiative", bei der man aufgefordert wurde, die Anträge auf englisch zu stellen. Ich selbst lehre und publiziere weitgehend in deutscher Sprache, obwohl ich mich als Romanist natürlich auch in den romanischen Sprachen Französisch und Italienisch verständigen kann, auch in Form von Vorträgen und Publikationen. Das Festhalten am Deutschen als Wissenschaftssprache ist mir jedoch ein zentrales Anliegen.

Prof. Dr. Jan Behrends (3. Februar 2007):

Ich stimme vollkommen überein, und möchte noch eine kleine, aktuelle Anekdote beitragen: bei der Vor-Ort-Begutachtung der dritten Linie der Exzellenzinitiative in Freiburg im Sommer 2006 machte zu Beginn einer universitätsöffentlichen Plenardiskussion der Vorsitzende des Gutachtergremiums -sicher pflichtgemäß- darauf aufmerksam, es dürfe nur Englisch gesprochen werden; dies sei eine verbindliche Vorgabe der DFG. Dann bat er darum, daß Gutachter und Universitätsvertreter sich kurz vorstellen möchten. Die Vorstellung der deutschsprachigen Diskussionsteilnehmer ging in mehr oder weniger flüssigem Englisch vor sich, während die beiden einzigen Gutachter aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland -meiner Erinnerung nach ein skandinavischer Germanist und ein amerikanischer Soziologe- sich in aller Seelenruhe und in demonstrativer Nichtachtung der Vorgabe in ausgezeichnetem Deutsch vorstellten. Man wird dies wohl als deutlichen Hinweis darauf nehmen dürfen, daß die Selbstabschaffung des Deutschen in der Wissenschaft auch außerhalb Deutschlands als Verlust und übrigens auch als in hohem Grade peinlich empfunden wird.

Dr. Heinz Pohl (15. Februar 2007):

Eine notwendige Initiative! Bei uns wirbt man mit: "Es ist ... - im Sinne der Internationalität - ein großes Anliegen das unsere Universität auch Lehrveranstaltungen auf Englisch anbietet." [Rechtschreibung im Original!] - als ob englischsprachige Lehrveranstaltungen allein "Internationalität" ausmachen!

Priv. Doz. Dr. Carmen Cardelle de Hartmann (22. Februar 2007):

Insbesondere mit These 6 haben Sie genau das zur Sprache gebracht, was ich seit Jahren denke. Ich bin Spanierin und kam nach meinem ersten Studienabschluss nach Deutschland. Sich an einer fremden Sprache im Unterricht zu gewöhnen, war nicht einfach; noch schwieriger war es, wissenschaftliche Texte darin zu verfassen. Nach Promotion und Habilitation mit Schriften in deutscher Sprache, nach mehreren Aufsätzen, zahlreichen Vorträgen und langjähriger Tätigkeit als Dozentin ist es immer noch so, dass ich meine Texte auf sprachliche Richtigkeit überprüfen lassen muss. Aber, wie wäre es gewesen, wenn ich mich gleich auf zwei Fremdsprachen hätte einstellen müssen, eine für die Wissenschaft, andere für den Alltag? Diese künstliche Zweisprachigkeit wirkt auf ausländische Studierende eher abschreckend, denn eine Seminararbeit auf Deutsch kann man von jedem Bekannten hier korrigieren lassen, aber auf Englisch? Gerade in meinen Fächern (Klassische Philologie und Lateinische Philologie des Mittelalters) hat die deutsche Wissenschaft eine führende Rolle. Als ich in Spanien mein Studium anfing, wurde uns deshalb nahegelegt, Deutsch zu lernen. Deutschkurse mit dem Zweck, wissenschaftliche Literatur lesen zu können, wurden für Altphilologen angeboten. Eine englische Bekannte, die in Cambridge promoviert, hat mir berichtet, dass es dort auch so ist. In Spanien genießt die deutsche Sprache generell hohes Ansehen, sie wird inzwischen in den meisten Gymnasien unterrichtet. Ich glaube, solche Tatsachen sind den meisten Deutschen unbekannt.
Behalten Sie doch Ihre ausdrucksstarke, präzise Sprache für die Wissenschaft! Auch Ausländer würden sich freuen.

Mit besten Wünschen und freundlichen Gruß

Carmen Cardelle de Hartmann

Dr. Oliver Kullmann (22. Februar 2007):

Schön (und wohl unabdingbar) wäre es, ein freies Internet-basiertes wissenschaftliches Wörterbuch (wohl unterteilt nach Fachgebieten, zumindest Deutsch-Englisch, aber auch jede andere Kombination) anzufangen, wobei Mitarbeit nach (kontrolliertem) Wiki-Prinzip zu organisieren wäre. Es wird immer schwerer, Etwas (etwas Sinnreiches) auf Deutsch zu sagen, was viele Ursachen hat, u.a. das Verlorengehen der Worte.

Dr. Robert Kowalenko (22. Februar 2007):

Meiner Meinung nach wird eine Rückkehr zum Deutschen, und die Stärkung der deutschen Wissenschaft die dadurch zu erwarten ist, (paradoxalerweise?) auch dazu beitragen, daß weniger junge deutsche Forscher ins Ausland gehen.

Dipl. Ing. Horst Wessiak (23. Februar 2007):

Sehr gut, endlich machen namhafte deutsche Wissenschafter bei diesem englischen Sprachdiktat nicht mehr mit! Das gilt alles natürlich auch für Österreich: Auch hier sprechen bei Kongressen Teilnehmer lieber klägliches Englisch als gutes Deutsch.

Dr. Philol. Chibla Amitschba (23. Februar 2007):

Ich habe mit grossem Interesse die sieben Thesen gelesen und stimme zu. Solche Publikationen helfen allen Deutschsprachlern, ihre Komplexe zu überwinden, und aufzuhören ihre eigene Sprache und ihre unbegrenzten eigenartigen Ausdrucksmöglichkeiten zu unterschätzen. Eigene Erfahrungen erlauben es zu behaupten, dass durch überflüssige Anglizismen heutzutage sehr viele Sprachen - darunter auch Russisch - bedroht werden. Ich habe ab 6 Jahre Deutsch als Fremdsprache gelernt, später Germanistik studiert, lebe seit fast 5 Jahren in Deutschland und finde es wirklich schade, dass man heutzutage ohne Englisch-Vorkenntnisse das heutige Deutsch beinahe nicht verstehen kann.
Noch ein Argument lässt sich hinzufügen: die kommunikative Verbindung zwischen den Generationen wird geschädigt. Die älteren Leute fühlen sich mit der Zeit fremd in eigenem Land.
Als Trägerin einer vom Aussterben bedrohten Muttersprache- Abchasisch- bin ich Ihnen für die geäusserten Gedanken dankbar und versuche sie - falls Sie es liebenswürdig bewilligen würden - weiter zu verbeiten.

Prof. em. Dr. med. Helmut Greim (26. Februar 2007):

Ich kann Ihr Anliegen nur in jeder Hinsicht unterstützen.
Ich habe mehrere Jahre in den USA gearbeitet, bin auch jetzt noch 5-6 mal pro Jahr dort und kann mich wirklich ganz gut ausdrücken. Dennoch werden alle meine wichtigen englischen Schriftstücke von jemandem mit Muttersprache überprüft.
Vorträge und Seminare hier in Deutschland vor Deutschen in Englisch zu halten, soll die Gewandtheit im Umgang mit der Sprache fördern. Das wird aber zur Farce, wenn niemand das kitchen english zu korrigieren vermag. Ausserdem haben die jüngeren Kollegen auch schon Schwierigkeiten, sich im Deutschen präzise auszudrücken. Allein das ausreichend zu üben sollte im Vordergrund stehen.
Mein aus Wien mit 30 Jahren emigrierter Chef sagte mir einmal nach 35 Jahren Aufenthalt in den USA: Die Amerikaner sind sehr höfliche Leute. Wenn man ankommt, loben sie einen wegen der guten englischen Sprachkenntnisse. Nach 2 Jahren sagen sie, das Englisch sei nicht schlecht. Nach 30 Jahren erklären einem aber die eigenen Kinder, dass man es nie lernen werde.
Man sollte sich also zunächst darum bemühen, sich im Deutschen präzise auszudrücken. So erlangte Fertigkeiten erlauben es, seine Erkenntnisse bei entsprechender Gelegenheit auch ausreichend gut englisch zu vermitteln.

PD Dr. rer. nat. Lothar Beutin (26. Februar 2007):

... Natürlich brauchen wir eine international gültige "Lingua franca" als Wissenschaftssprache, und Englisch hat in vielen Disziplinen diesen Platz eingenommen. Aber auch sehr gute Artikel, die in anderen Sprachen als Englisch geschrieben werden, werden von der anglophonen Welt und den davon geprägten internationalen Zeitschriften nicht mehr wahrgenommen. Dies lässt sich auch bei Übersetzungen von Büchern beobachten. In der Regel wird von der englischen in die andere Sprache übersetzt, Übersetzungen von Fremdsprachen ins Englische haben in den anglophonen Ländern keine annährend gleichwertige Bedeutung. ...
Ein anderer Aspekt ist die freiwillige Aufgabe der eigenen Sprache in der Universität und in Veranstaltungen vor deutschsprachigem Publikum. Die Folgen dieser Politik haben einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der hiesigen Wissenschaft, wie es Herr Mocikat vortrefflich beschrieben hat. Die Motive hierfür mögen vielgestaltig sein und haben sicherlich auch etwas mit unserem eigenen Selbstbewusstsein und Rollenverständnis zu tun. ... Zusammenfassend kann man sagen, dass wir es selbst in der Hand haben, in wie weit wir unsere Sprache, das auf unserer Sprache spezifisch basierende Denken und damit verbunden auch unsere Kultur schätzen und lieben. Davon hängt entscheidend unsere eigene Wertschätzung und auch unser Auftreten auf internationaler Ebene ab.

Prof. Dr. Hans Goebl (27. Februar 2007):

Über die letzte Nummer von "Forschung und Lehre" habe ich von Ihren Campagnen zugunsten des Erhalts der deutschen Sprache in der wissenschaftlichen Kommunikation erfahren und darf Ihnen dazu meine volle Zustimmung mitteilen.
Ich bin zwar Romanist und somit als Geisteswissenschaftler und Vertreter einer per definitionem polyglotten Diszplin sozusagen ab ovo einer Vielfalt von Sprachen verpflichtet, doch kann (und muß) ich den zentralen Argumenten Ihrer Texte (zentrale Rolle der Muttersprache im Kognitionsprozeß, Gefahr der Ausdorrens der fachsprachlichen Register im Deutschen etc.) als Fachmann für Sprachliches "mit Hirn und Herz" voll zustimmen.

Prof. Dr. P. Karanis (16. April 2007):

Sehr geehrter Herr Mocikat,

... Ich habe Ihren Beitrag (in Forschung & Lehre 2/2007, Anm. R.M.) mehrmals gelesen und kann jeden Satz des Artikels nur unterstreichen. Gegenwärtig bin ich in Japan auf dem Gebiet der Biomedizin und der Erforschung von Infektionskrankheiten tätig. Auf Grund meiner Spezialisierung … sowie meiner weltweiten Erfahrungen möchte ich mir einige Bemerkungen zu Ihrem Artikel erlauben. … Vor meiner Habilitation in Deutschland habe ich einige Artikel in deutscher Sprache publiziert. Diese Artikel haben mir ‚keine Punkte' (IF) in meiner weiteren Laufbahn erbracht, ja sogar das Gegenteil bewirkt. Zu dieser Zeit schien es sinnvoll, die Informationen auf Deutsch zu publizieren, damit sie im deutschsprachigen Raum besser zugänglich sind. Dies wurde beim Habilitationsverfahren betont. Die Ergebnisse waren substanziell und praxisorientiert und haben weltweit für gewisse Veränderungen auf dem Gebiet gesorgt. Meine Erfahrung danach war, dass die englischprachigen Wissenschaftler diese Ergebnisse gelesen haben, sie für weitere Projekte nutzten, sie aber in ihren Artikeln nicht zitierten.
Denken, so wie wir es kennen, können wir uns ohne Muttersprache nicht vorstellen. Unsere Kreativität beruht darauf, dass wir auf unsere Muttersprache zurückgreifen, aber auch auf andere Sprachen, solange wir sie ‚verstanden' haben. … Ich habe die deutsche Sprache ‚verstanden', und es hat mir immer Spaß gemacht, die große Vielfalt ihrer Ausdrucksweise zu verwenden. Es ist schließlich eine schöne Sprache mit viel Grammatik und für die Wissenschaft nützlich. Alle Möglichkeiten konnte ich nicht nutzen, da ich Deutsch erst in meiner Studienzeit in Deutschland gelernt habe. Ich bin während meiner Schulzeit von dem altgriechischen Sprachunterricht sehr geprägt worden …. Auch heute noch sind mir diese Kenntnisse für jede neue Strategie in experimentellen Ansätzen behilflich. Es hat mir später geholfen, weitere Sprachen leicht zu lernen, ja sie sogar zu verstehen.
… Die Anglomanie in den deutschen Universitäten und Forschungszentren wird mit der Rücksichtnahme gegenüber ausländischen Gästen gerechtfertigt, hat aber möglicherweise andere Ursprünge. Wollten die deutsche Institutionen auf ihre ausländischen Wissenschaftler Rücksicht nehmen, sollten sie alles tun, dass die ausländischen Wissenschaftler lernen, Deutsch zu verstehen und zu sprechen.
Es gibt keinen Grund, dass das angloamerikanische System und seine Wissenschaftler durch den ‚Muttersprachenvorteil' Vorteile in der Wissenschaft genießen. Das ist aber der Fall…. Solange keine deutschsprachige Zeitschrift ‚Nature' oder ‚Science' gegründet wird, wird die Problematik des Sprachgebrauchs bleiben und das eigene Profil nicht geschärft. Das gilt im Übrigen genauso für alle anderen Länder. Im Rahmen der EU sollte man über eine europäische ‚Nature'- oder ‚Science'-Zeitschrift nachdenken, in der Artikel in EU-Sprachen für die Veröffentlichung akzeptiert werden. Das erfordert, - wenn überhaupt realisierbar -, eine systematische und anspruchsvolle Auswahl von Gutachtern, die nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Sprachen verstehen und beurteilen können. Ich bin davon überzeugt, dass ein solches System die Wissensschaft positiv beeinflussen würde.

Mit freundlichen Grüßen
Professor Dr. P. Karanis

PD Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt (15. November 2007):

Sehr geehrte Herren Kollegen Mocikat, Haße und Dieter,

für Ihre Initiative zur Rettung des Deutschen als Wissenschaftssprache danke ich Ihnen sehr. Ich schließe mich jeder Ihrer Thesen vollinhaltlich an und bin froh, daß ENDLICH einmal jemand dies in der Öffentlichkeit offensiv zur Sprache bringt.

Als Religionswissenschaftlerin vertrete ich einen Forschungsschwerpunkt, der mit überwiegend englischer Sekundärliteratur arbeitet: die Erforschung indischer und tibetischer Religionen. Gerade weil ich zu 80 Prozent englische Texte lesen und verarbeiten muß, wird mir meine Muttersprache immer wichtiger, denn bei der Abfassung englischer Publikationen, die ich natürlich immer wieder leisten muß, ist mir zunehmend deutlich geworden, daß es auch nach langjähriger Praxis des Englischen inclusive zahlreicher Auslandsaufenthalte kaum möglich ist, feinere Nuancen der Sprache auch nur halb so gut auszudrücken, wie ein Muttersprachler des Englischen oder Amerikanischen oder indischen Englisch dies kann. Ich muß daher viele meiner Gedanken auf meine sprachlichen Möglichkeiten "zurechtstutzen", was ich schon so automatisch mache, daß es mir selbst häufig gar nicht mehr auffällt. Dadurch tritt eine schleichende Verarmung auch meiner Denkmöglichkeiten ein.

Des Weiteren fände ich es eine Zumutung für die deutsche Bevölkerung, z. B. Arbeiter oder Angestellte, die durch ihre Steuern meine wissenschaftliche Arbeit finanzieren, wenn sie an meinen Forschungsergebnissen nicht teilhaben könnten, weil sie nicht genügend Englisch können. Ich habe mir daher zur Regel gemacht, nicht mehr als die Hälfte meiner Publikationen auf Englisch zu verfassen und im Übrigen auch in meinen deutschen Texten auf Verständlichkeit und eine Begrenzung der verwendeten Fremdworte auf das notwendige Minimum zu achten. Wenn Wissenschaft nicht mehr in das allgemeine Bewußtsein der Bevölkerung eingehen kann, ist sie halb so viel wert, und die wirklich Großen haben es zumindest in der Geisteswissenschaft immer geschafft, allgemeinverständlich zu reden und zu schreiben.

Auch wäre ich selbst als Geisteswissenschaftlerin wohl kaum in der Lage, naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse nachvollziehen zu können, wenn es darüber nur englischsprachige Bücher gäbe. Das heißt, daß die ausschließliche Verwendung des Englischen auf Dauer wohl auch zu einer Verminderung der interdisziplinären Verständigungsmöglichkeiten, vor allem zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, führen würde.

Schließlich gibt es auch noch ein kulturelles Argument für mich: Deutsch war einmal die Sprache des "Landes der Dichter und Denker", das heißt, es gab eine gewisse Unverzichtbarkeit deutscher Denkprodukte für die internationale Forschung. Wenn heutige deutsche Wissenschaftstexte so wegweisend wären, wie es die Texte von Kant, C. G. Jung oder Hahn/Meitner einst gewesen sind, dann würden sie auch von der nicht deutschsprachigen Welt zur Kenntnis genommen werden, sei es durch verstärktes Deutschlernen (wie es ja auch für englischsprachige Kantforscher wohl doch noch immer notwendig sein dürfte), sei es durch Übersetzungen. Wir sollten daher in Deutschland etwas mehr geistige und finanzielle Energie auf das Produzieren wirklicher Spitzenleistungen verwenden anstatt die Zeit unserer Wissenschaftler durch die auch bei guten Englischkenntnissen zeitraubende ausschließliche Verpflichtung zu englischen Publikationen zu verschleißen.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Initiative allen nur möglichen Erfolg, und wenn es irgendetwas gibt, womit ich Sie unterstützen kann, so lassen Sie es mich wissen.

Mit freundlichem Gruß

Ihre Adelheid Herrmann-Pfandt

Prof. Dr. phil. Johannes Heinrichs (10. August 2008):

Potentiell kann jede Sprachgemeinschaft besondere Schwerpunkte in die wissenschaftliche, bes. geistesgewissenschaftliche Diskussion einbringen. Auch wenn die Ergebnisse übersetzbar sind, so ist ihr Entstehen doch sprachgebunden. Das gilt für die deutsche Sprachgemeinschaft in einigen Fächern wie Philosophie, Sprachtheorie und verwandten Fächern noch immer in hohem Maße und wird von Nicht-Deutschen auch erwartet. (Die Situation ist der in musikalischen Fächern vergleichbar, wenngleich stärker sprachbezogen. Die deutschen Musikhochschulen erfreuen sich weltweiter Anziehungskraft für anderssprachige Studenten. In den Kulturwissenschaften kann das nur ebenfalls gelten, wenn der spezifische Bezug zu philosophisch-kulturwissenschaftlichen Leistungen in deutscher Sprache aufrecht erhalten wird.)

PD Dr. rer. nat. habil. Marko Hofmann (14. November 2011):

Die Informatik ist vermutlich die Speerspitze jener Wissenschaften, in denen praktisch der gesamte akademische Diskurs auf Englisch geführt wird. Insbesondere bei der Abschätzung der Folgen und Grenzen dieser Wissenschaft muss es aber auch möglich sein, auf Deutsch zu publizieren.