Sieben Thesen zur deutschen Sprache in der
Wissenschaft*



Albert Einstein


Albert Einstein:„..es ist von grosser Bedeutung, dass der Allgemeinheit Gelegenheit geboten wird, die Bemühungen und
Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungsarbeit bewusst und verständnisvoll mitzuerleben. Es ist nicht genug,
wenn jede gewonnene Erkenntnis von einigen Spezialisten aufgenommen, weiter verarbeitet und angewendet
wird. Beschränkung des Erkenntnisgutes auf einen engen Kreis tötet den philosophischen Geist in einem
Volke und führt zur geistigen Verarmung.“

          Vorwort zu Lincoln Barnett, Einstein und das Universum, September 1948


*Die Autoren Prof. Dr.med. R. Mocikat, Prof. Dr.med. W. Haße und Priv.Doz. Dr.rer.nat. H.H. Dieter haben
dieses Thesenpapier unabhängig von politischen Parteien sowie von jeglichen Sprachgesellschaften oder
Sprachvereinen erarbeitet.

Am 13.Januar 2007 wurde in Berlin auf der Basis dieses Thesenpapiers und mit denselben Vorgaben - zur Unabhängigkeit - der "Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache" e.V. (ADAWiS) gegründet.
Die Leitlinien des ADAWiS können in der Hinweisliste aufgesucht werden.





Vorbemerkung

Denken ist sprachlich vermittelt. Für die wissenschaftliche Abstraktion ist Sprache von konstitutiver Bedeutung, da Wissenschaften die Wirklichkeit in Hypothesen und Theorien abbilden, die intersubjektiv mitteilbar sein müssen. Dies wird durch Sprache als das verbindende Element einer Kommunikationsgemeinschaft garantiert.
Zur Zeit beobachtet man im deutschsprachigen Raum einen konsequenten Rückzug der Wissenschaft aus der Landessprache. Immer mehr deutsche Fachzeitschriften veröffentlichen Artikel deutschsprachiger Autoren in englischer Sprache, die Kongresssprache ist selbst auf Tagungen ohne internationale Beteiligung häufig englisch, und auch Vorlesungen für die deutschsprachige Studentenschaft werden immer häufiger auf Englisch angeboten.
Diese Entwicklung hat für den Forschungs- und Ausbildungsstandort Deutschland schwerwiegende nachteilige Folgen.


I.

Auf internationaler Ebene hat Englisch eine wichtige Funktion als Kommunikationsmedium.

Wissenschaft und Forschung leben vom Austausch innerhalb einer internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Um die Kommunikation in einem weltweiten Wissenschaftsbetrieb sicherzustellen, hat sich die englische Sprache als lingua franca etabliert. Es ist unbestritten, dass jeder Wissenschaftler seine Ergebnisse auch in internationalen englischsprachigen Zeitschriften präsentieren muss.


II.

Ein ausschließlicher Gebrauch der englischen Sprache innerhalb des deutschen Wissenschaftsbetriebes erschwert den Gedankenaustausch.

Zunehmend wird in Deutschland auch im internen Wissenschaftsalltag und auf nationalen Tagungen ohne oder mit nur geringer internationaler Beteiligung ausschließlich auf Englisch verhandelt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen kann sich jedoch niemand in einer Fremdsprache so gewandt ausdrücken und Nuancen so treffend wiedergeben wie in der Muttersprache.
Deutsche Wissenschaftler, die auf Englisch kommunizieren, vermögen komplexe Zusammenhänge oft nur ungeschickt zu vermitteln bzw. in entstellter Form zu perzipieren. Weiterhin können gerade inter- und transdisziplinäre Ansätze nicht mehr aufgegriffen werden, wenn die Kommunikation nicht in der Muttersprache erfolgt.
Englisch ist für die weltweite Verständigung in Einzeldisziplinen zwar unverzichtbar, der Gebrauch der eigenen Muttersprache bietet aber einen unschätzbaren Vorteil, der nicht leichtfertig aufgegeben werden darf.


III.

Der Primat einer Einheitssprache im Bereich der Wissenschaft bedeutet geistige Verarmung.

Jede Sprache bildet die Erfahrungswelt in einer spezifischen Weise ab, sie ist ein Spiegel des Weltverständnisses. Die Vorstellungen von der Wirklichkeit, die Ontologie werden durch die Sprache, ihren Wortschatz, ihre Begrifflichkeit und ihre Struktur geprägt.
Wissenschaft und Forschung leben von riskanten und konkurrierenden Hypothesen, von eigenständigen schöpferischen Ideen, von unkonventionellen Herangehensweisen, von Visionen und von intuitiven Eingebungen. Wer in seinem wissenschaftlichen Schaffen die Verwurzelung in der eigenen Muttersprache und ihrer erklärenden Metaphorik aufzugeben gewillt ist, der kündigt auch seine Mitarbeit an der inhaltlichen Gestaltung seiner Disziplin auf.
Wir werden unserer wissenschaftlichen Produktivität langfristig schweren Schaden zufügen, wenn wir fortfahren, unsere Muttersprache und damit die für unser Denken und Wahrnehmen spezifischen Strukturen konsequent aus dem Erkenntnisprozess auszublenden.


IV.

Die Flucht in das Englische verhindert die Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftssprache.

Die Dominanz des Englischen führt dazu, dass die deutsche Wissenschaftssprache zunehmend unbrauchbar wird. Wenn selbst im internen Gebrauch die Landessprache aufgegeben wird, wird die Weiterentwicklung fächerspezifischer Terminologien nicht möglich sein.
Das oftmals vorgebrachte Argument, für neue Entwicklungen, die ja oft aus dem angloamerikanischen Raum kommen, stünden nur die englischen Originalbegriffe zur Verfügung, ist nicht überzeugend. Für jeden Sachverhalt lassen sich ohne Mühe Lehnwortbildungen, Lehnübersetzungen oder Lehnschöpfungen finden. Fachbegriffe können aus der Alltagssprache abgeleitet werden, wie dies auch im Englischen häufig geschieht.
Dass die Preisgabe einer wissenschaftsspezifischen Landessprache und eigenständiger Denktraditionen keine unausweichliche Folge der internationalen Vernetzung sein muss, lehrt der Blick auf andere Sprachräume.


V.

Die Preisgabe der Landessprache führt zur Dissoziation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Wissenschaft ist integraler Bestandteil der Gesellschaft, welche sie finanziert. Die Bereitschaft, die Landessprache in innovativen Schlüsselbereichen weiterzuentwickeln, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese sich von der übrigen Gesellschaft nicht abkoppeln.
Wissenschaftler sind der Öffentlichkeit verantwortlich und haben gegenüber dem Steuerzahler eine Bringschuld zu erfüllen. Dies sollte v.a. im Bereich der anwendungsorientierten Forschung selbstverständlich sein. Da 30 % der Deutschen der englischen Sprache nicht mächtig sind und weitere 30 % nur über rudimentäre Kenntnisse verfügen, wird der Verlust einer wissenschaftstauglichen deutschen Sprache weite Bevölkerungskreise von der Teilhabe und der Mitsprache an wichtigen Entwicklungen ausschließen.
Umgekehrt wird die Wissenschaft neue Fragestellungen, die sich aus dem gesellschaftlichen Umfeld ergeben, nicht mehr wahrnehmen können. Die Akzeptanz von Wissenschaft in der Öffentlichkeit wird weiteren Schaden nehmen.


VI.

Der Verzicht auf eine deutsche Wissenschaftssprache macht den Wissenschafts-, Forschungs- und Ausbildungsstandort Deutschland im Ausland nicht attraktiver.

Die Anwerbung von Studenten sowie von Gastwissenschaftlern aus dem Ausland ist lebensnotwendig für Deutschland. Ziel muss es sein, die Gäste während ihres Aufenthaltes nicht nur institutionell, sondern auch sozial einzubinden und sie für die Kultur des Gastlandes zu interessieren. Nur wenn sie sich nach der Rückkehr in ihre Heimat langfristig an Deutschland gebunden fühlen, wird sich ihr Aufenthalt für Deutschland später auszahlen. Dies wird jedoch nicht gelingen, wenn ihnen in Universitäten und Forschungsinstituten deutsche Sprache und Kultur nicht nahe gebracht werden.
Vorlesungen, die von deutschen Muttersprachlern auf Englisch gehalten werden, wirken meist unbeholfen. Darunter leidet nicht nur die Qualität der Lehre. Insbesondere vermittelt der Gebrauch der englischen Sprache den Eindruck, man könnte in Deutschland neue Ideen nicht mehr als erste formulieren oder aussprechen. Ein solches Land wird für Studenten und Wissenschaftler anderer Nationen uninteressant. Immer mehr Studenten und Wissenschaftler studieren, forschen und lehren daher lieber gleich beim angloamerikanischen Original.


VII.

Um den Forschungs- und Ausbildungsstandort Deutschland wieder zu stärken, bedarf es eines Umdenkens im Umgang mit der deutschen Wissenschaftssprache.

Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Fachgesellschaften und Fachverlage sowie die Wissenschaftspolitik einschließlich der Drittmittelgeber sind aufgerufen, zum Gebrauch und zur Weiterentwicklung der deutschen Sprache in der Wissenschaft beizutragen.
Hierzu bedarf es vielfältiger Anstrengungen: München und Berlin im August 2005

Die Autoren:

Prof. Dr. med. R. Mocikat
Immunologe, München
Telefon: +49 89 8930 9666

Prof. Dr. med. W. Haße
Prof. i.R. der FU Berlin
Telefon: +49 30 801 72 13
Fax: +49 30 80 58 90 78

Priv. Doz. Dr. rer. nat. H. H. Dieter
Direktor und Prof. am Umweltbundesamt Berlin
Telefon: +49 33731 30 730
Fax: +49 33731 30 729

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